Gorillaz
Plastic Beach
2010, EMI
Review
03/03/10 by hbrImmer wieder mal geht ein Zucken durchs Fachpublikum, wenn ein neues Werk auf dem EMI-Label erscheint. Mit „Fachpublikum“ sind jene gemeint, die sich ein bisschen mehr als die durchschnittliche Apotheken-Umschau-Leserin für die Zusammenhänge innerhalb der Musikindustrie interessieren. Also jene, die wissen, dass es neben kuschelig-kleinen Plattenfirmen auch große Medienunternehmen gibt – beispielsweise „Universal“ oder „Sony/BMG“. Bei diesen „Großen“ darf auch die EMI seit langem mitmachen. Genauer: Seit 1931, da wurde das Label in London gegründet und stieg vor allem in den sechziger Jahren mit der Haus- und Hofkapelle The Beatles zu einem Multi-Millionen-Dollar-Unternehmen auf. Auch heute noch verkaufen sich die Alben der Fab Four wie Tofu-Wurst im Studentenbezirk. Was man von den vielen anderen Künstlern, die die EMI unter Vertrag genommen hat, nicht wirklich behaupten kann.
Eine der wenigen aktuellen Geldbeschaffer des Labels ist die Comic-Band Gorillaz – neben Robbie Williams und Coldplay. Da letztere bereits 2008 die EMI-Jahresbilanz mit „Viva La Vida“ aufhübschte und im vergangenen Jahr Mr. Williams die Zahlen mit „Reality Killed the Video Star“ weichzeichnete, muss in diesem Jahr mal wieder die Comic-Band Gorillaz ran. Dass das gezeichnete Gespann um 2D, Murdoc, Russel und Noodle das kann, hat es bereits mit den Werken „Gorillaz“ (2001) und „Demon Days“ (2005) – beides Multimillionen-Seller weltweit – bewiesen.
Viel Druck lastet also auf „Plastic Beach“. Und dem wirkt man erst einmal mit Trick 17 entgegen: Einer Gästeliste, die so endlos lang ist, dass man fast schon meinen könnte, hier ginge es um ein Benefiz-Projekt zugunsten Haitis: Snoop Dogg, Mos Def, De La Soul, Lou Reed oder auch die The-Clash-Mitmacher Mick Jones und Paul Simonon sind dabei, um nur einige zu nennen. Gleich im ersten Stück nach dem Intro darf dann auch sofort Mr.-Fo-Shizzle-My-Nizzle – Snoop Dogg – ran, um in „Welcome To The World Of The Plastic Beach“ auf das dritte Gorillaz-Werk einzustimmen – was, sagen wir mal, eher so lala gelingt. Natürlich reißt die nasal-abgehangene Coolness per se viel raus, aber die etwas zu bemühten Beats mit 80er-Touch kann nun mal auch ein Snoop Dogg nicht schönrappen. Weiter geht’s mit „White Flag“, einem Stück, in dem Kano & Bashy mitrappen dürfen, beide sind Londoner Grime-Künstler. Und die Frage, die einem als allererstes dazu einfällt, ist nicht etwa „Wow! Wie kam Damon Alban denn an die?“ sondern viel eher: „Oh Gott! Grime-Künstler – So was gibt’s noch?“. Zwei Songs und zum ersten Mal macht sich die Angst breit, die Gorillaz könnten an sich selbst scheitern. An zu lieblos verteilten Einladungen an Gäste, die schlichtweg an sich und den zu egalen Beats scheitern, die ihnen hingerotzt wurden.
Doch mit „Rhinestone Eyes“, dem ersten Gorillaz-Only-Stück zeigt sich: Keine Panik, alles beim Alten. Vielleicht sogar noch besser. Denn wie mitreißender Hochglanz-Pop so geht, das wissen die Comicfiguren anscheinend immer noch. Damon Albarn alias 2D klang einfach noch nie besser. Muss man einfach mal so sagen. Auch die folgenden Tracks, das Eighties-Festival „Stylo“, sowie das De-La-Soul-Feature „Superfast Jellyfish“ und das Synthie-Soul-Stück „Empire Ants“, das die Gorillaz mit der schwedischen Band Little Dragon aufgenommen haben, sind eigentlich alles potentielle Singles. Die hohe Qualität, die merkwürdigerweise erst mit Track 4 einsetzt, wird dann fast schon akribisch genau bis zum Ende von „Plastic Beach“ durchgezogen. Aus Dub, Eighties-Resterampe, Hip-Hop und Bubblegum-Pop bauen die realen Bandköpfe Damon Albarn und Jamie Hewlett die momentan vielleicht homogenste Platte des Mainstream-Pop. Exotisch und experimentierfreudig klingen die Songs und doch strandet keines der Stücke im Unhörbaren oder Aufgesetzten. Ein Kunststückchen, seien wir mal ehrlich, das nur wenigen gelingt. Indie-Affine Connaisseure werden hier genauso bedient wie 15-jährige Hip-Hop-Mädchen. Das schafft sonst vielleicht nur noch Justin Timberlake. Und das auch nur dann, wenn er einen guten Tag hat.
Mit „Plastic Beach“ haben die Gorillaz ihr bisher bestes Werk hingelegt, das ihrem Label ordentlich Kohle in die Kasse spülen wird. Wobei man in der Firmenzentrale – wenn man nicht ganz doof war – bestimmt schon etwas Vergleichbares zu Lady Gaga gesignt hat, was dann spätestens im dritten Quartal mit den Verkaufszahlen der Gorillaz mithalten kann und allein durch einen Auftritt bei „Wetten dass...?“ und RTL-2-Programmtrailer omnipräsent sein wird. Bis dahin aber: Bitte fleißig das Gorillaz-Werk kaufen. Gar nicht mal so sehr der EMI zuliebe, sondern weil es rundum gelungen ist. (Von den ersten beiden Songs mal abgesehen).






